Warning: count(): Parameter must be an array or an object that implements Countable in /home/httpd/vhosts/lalecheleague.ch/elternzeitschrift.org/libraries/cms/application/cms.php on line 464 2013/02 Gestillte Kleinkinder

Dass das Stillen von Kleinkindern in unseren Breiten nicht der Norm entspricht, lässt sich auch aus vielen Medienberichten der letzten Zeit ablesen. «Abnormal» ist es deswegen noch lange nicht.

 

Gestillte Kleinkinder

Bild: Familie Dreier

«Stillen, bis der Schulbus kommt» titelt eine Dokumentation des Westdeutschen Rundfunks süffisant und stellt stillende Mütter und ihre Kinder als esoterisch angehauchte, leicht pervers veranlagte Extremisten dar. Kein Einzelfall: Mit dem provokanten Titelbild des «Time-Magazine» nahm 2012 eine neue Welle des medialen und öffentlichen Unverständnisses Müttern gegenüber, die ihre Kinder länger als ein Jahr stillen, ihren Anfang. Tatsächlich sieht man hierzulande eher selten Mütter, die ihre Kleinkinder stillen. In diesem Sinn ist das Stillen über das berühmte erste Jahr hinaus wirklich aussergewöhnlich – nicht umsonst ziehen wir diese magische Grenze auch sprachlich: Aus dem «Säug»ling wird ein Kleinkind. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Stillen ein Teil der Erfolgsgeschichte des Menschen ist.

Stillen – eine Erfolgsgeschichte
Stillen hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass Säugetiere evolutionär so erfolgreich waren. Es erleichtert die Anpassung an schwierige Umweltbedingungen, indem es optimale Säuglings-
und Kleinkindernährung unabhängig von leicht verdaulichen Nahrungsquellen macht. Ausserdem erlaubt die Möglichkeit zu stillen die Geburt von vergleichsweise unreifen Nachkommen – so wie beim Menschen – und damit eine Hirnentwicklung, die nicht durch die Beckengrösse der Mutter begrenzt wird. Darüber hinaus schützt das Stillen vor Krankheiten: Die WHO schätzt, dass weltweit jährlich 1,5 Millionen Kinder an den Folgen mangelnder Muttermilchernährung sterben. Das gilt übrigens nicht nur für Entwicklungsländer. In den USA sterben laut einer Studie der Harvard-Universität jährlich 900 Kinder; allein durch Stillen würden dort 13 Milliarden an direkten und indirekten Gesundheitskosten pro Jahr eingespart.

Der Mensch, ein Kulturwesen
Doch auch seine Anpassungsfähigkeit hat den Menschen so erfolgreich gemacht. Das bedeutet unter anderem, dass Kinder auch ohne Muttermilch aufwachsen können – gut kontrollierte, möglichst an die Bedürfnisse des Kindes angepasste Muttermilchersatznahrung macht das möglich. Sie hat die Entscheidung für oder gegen das Stillen von der Frage des puren Überlebens losgelöst. Niemand muss stillen, schon gar nicht über zwölf Monate hinaus. Tatsächlich war Stillen an sich – und vor allem langes Stillen – lange Zeit aus der Mode gekommen. Und das so sehr, dass Stillkinder generell, und besonders gestillte Kleinkinder, ein Anblick sind, der in unseren Breiten zu etwas Aussergewöhnlichem geworden ist. Aber dennoch: In Mitteleuropa stillen vorsichtig geschätzt bis zu einem Viertel aller Frauen ihre Kinder mit zwölf Monaten noch – Tendenz steigend.

Stillen macht Sinn
Erst langsam beginnt die Wissenschaft zu verstehen, dass Stillen auch noch nach der Einführung von Beikost Sinn macht: Es liefert nicht nur einen nicht zu vernachlässigenden Beitrag zur Ernährung von Kleinkindern, – im zweiten Lebensjahr deckt ein gestilltes Kleinkind immerhin einen Drittel seines Energiebedarfs sowie die Hälfte seines Eiweissbedarfs über die Muttermilch – sondern hält sie auch gesünder als nicht gestillte Kleinkinder. Kinder, die vor dem ersten Lebensjahr abgestillt werden, haben ein höheres Erkrankungsrisiko – vor allem, was Durchfall und Mittelohrenentzündungen betrifft – und sind öfter und länger krank. Stillen über das erste Lebensjahr hinaus, und das bei geeigneter Beikost, vermindert das Risiko auch im späteren Leben an einer Reihe von Erkrankungen zu erkranken (siehe Kasten). Es liefert Vitamine sowie einen optimalen Fettsäuremix für eine optimale Hirnreifung und unterstützt durch das Saugen Kieferund Gesichtsmuskulatur in ihrer Entwicklung. Nicht zu vergessen, dass das Stillen eine unmittelbare, sehr einfache Möglichkeit ist, Nähe herzustellen und mit dem Kind in Beziehung zu treten.

Gestillte Kleinkinder

Bild: Familie Zangerle

Normalstillen
Physiologisch betrachtet ist ein Menschenkind für eine mehrjährige Stillzeit geschaffen. Der Kinderarzt und Evolutionsbiologe Herbert Renz-Polster nennt das Stillen von Kleinkindern folgerichtig «Normalstillen» im Vergleich zum «Kurzzeitstillen» von wenigen Monaten. Die Zeit, die Mütter in das Stillen ihrer Kinder investieren, hat aber immer auch mit ihren Lebensumständen zu tun. Mütter,
die auf dem Feld (oder im Büro) arbeiten müssen, stillen kürzer als Frauen, die ihre Kinder in ihren Arbeitsalltag integrieren können. Die oft kolportierte (und auch im Buch «Vom Glück des Stillens» von Eva Herman aufgeführte) weltweite Durchschnittsstilldauer von vier Jahren kann aber schon deshalb nicht stimmen, weil viel zu viele Länder weltweit sehr, sehr niedrige Stillraten haben. Und auch in traditionellen Kulturen stillen Mütter weniger lange, als allgemein angenommen: Eine Querschnittsstudie der Anthropologin Katherine Dettwyler bei 64 traditionellen Kulturen ergab eine Stilldauer von durchschnittlich 2,8 Jahren.

Als kulturbegabte Menschen sind wir durchaus in der Lage, unsere Kinder auch ohne Stillen einfühlsam grosszuziehen – auch das ist Teil der Flexibilität, die uns als Spezies so erfolgreich gemacht hat. Doch darum geht es gar nicht. Die Debatten um das Stillen von Kleinkindern sind deshalb so resistent gegen objektive Argumente wie Nährwert und Immunschutz der Muttermilch, weil nicht das Stillen an sich Thema ist. Es ist schlicht eine Variante des jahrhundertealten Streits, wie «man» seine Kinder zu erziehen hat. Vor allem in Mitteleuropa und den USA hat dieser Streit sehr viel mit Nähe und Distanz zu tun. «Selbstständigkeit» und «Loslösen» sind erstrebenswerte Ziele in der Erziehung, doch über den Weg dahin streiten sich sogar die Experten.

Stillen ist ein Teamsport
Die wenigsten Mütter entscheiden sich bewusst für eine lange Stillzeit, sie wachsen schlicht in sie hinein. Und so sind es in der Regel auch nicht immunologische, ernährungstechnische oder logopädische
Gründe, die Frauen nach dem ersten Lebensjahr ihres Kindes weiterstillen lassen, sondern ganz alltägliche Dinge: Stillen ist praktisch, hilft (oft) nachts mehr Schlaf zu bekommen und macht Nähe einfach. Es erleichtert das Leben mit einem Kleinkind, erst recht, wenn es krank ist. Stillen tröstet und verhilft auch der Mutter zu Ruheinseln im Alltag. Das macht Stillen im Kontrast zur landläufigen Meinung nicht zu etwas, wobei sich die Mutter aufopfert, sondern zu etwas, wovon Mutter und Kind profitieren. Stillen über das erste Lebensjahr hinaus ist damit schlicht eine Entscheidung für einen nahen Erziehungsstil. Und da es viele positive, aber keine negativen Folgen für das Kind hat, ist das eine Entscheidung, die respektiert gehört.

Nicole Ritsch

Rundum geschützt

Im zweiten Lebensjahr decken 500 ml Muttermilch am Tag:

  • 94 % des Vitamin B12-Bedarfs
  • 80 % des Vitamin A-Bedarfs
  • 76 % des Folsäure
  • 60 % des Vitamin C-Bedarfs
  • 40 % des Calciumbedarfs des Kindes

Eine längere Stillzeit schützt besonders gut vor:

  • Übergewicht
  • Mittelohrentzündungen
  • Darminfektionen
  • Multipler Sklerose
  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Lymphomen